E-Mail (Emo-Mail) an meinen Lehrer

Bild ohne Text: Free-Photos

Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, wie tief ich schon in der Depression steckte, trotzdem entschied ich mich schon im Januar, einem meiner damaligen Lehrer meine Situation zu schildern. Eine Langzeitaufgabe*, die mich zu diesem Zeitpunkt und in meiner seelischen Situation inhaltlich überforderte, zwang mich dazu. Und der Lehrer zeigte Verständnis. Der Fehler war, zu denken, danach würde es mir wie von Zauberhand besser gehen. Ich hatte offensichtlich nichts aus meiner ersten Depression gelernt, warum bleibt bis jetzt offen.

Am 9. Januar 2016 schickte ich nach langem hin- und her Überlegen und unter einigen Tränen diese E-Mail: 

„Sehr geehrter Herr [NAME MEINES DAMALIGEN LEHRERS],

Ich bin jetzt schon seit einiger Zeit gesundheitlich angeschlagen und das schlägt mit anderen Problemen zusammen leider auch ziemlich auf die Psyche. Ich möchte nur ungern ins Detail gehen, ich rede schon mit genug Menschen darüber und bin wirklich nicht scharf darauf, das alles noch 100 Mal durchzukauen.

Unterm Strich: Ich fühle mich zwar jetzt zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich besser, bin aber kopfmäßig gerade einfach sehr ausgelaugt.

Außerdem ist bei mir nicht ungewöhnlich, dass ich mal depressive Episoden habe, seit einigen Jahren schon (nicht nur im Winter, wenn es dunkel ist), aber so lange und intensiv war es vorher noch nie und es war bisher noch nie so schlimm, dass ich mich durch eine schwierige Aufgabe nicht noch irgendwie durchbeißen konnte.

Ich habe in den letzten paar Wochen immer wieder versucht, auch schon vor den Ferien, mich vor die Aufgabe zu setzen und sie zumindest schrittweise fertigzustellen, allerdings geht das jetzt schon so lange, meine Gedanken schweifen immer wieder ab und ich schaffe es einfach nicht.

Worauf das hinausläuft, ist natürlich, dass ich Sie hiermit bitte, und ich hasse es wirklich, Sie darum zu bitten, mich von der Laudatio-Aufgabe zu befreien.

Eigentlich wollte ich Ihnen schon vor dem eigentlichen Abgabetermin eine Mail schreiben, aber zu diesem Zeitpunkt habe ich mir gedacht, es wäre vielleicht weniger beschämend, wenn ich Sie nicht darum bitten würde und einfach sagen würde, ich hätte die Aufgabe vergessen.

Ich kann natürlich verstehen, wenn Sie mich nicht von der Aufgabe befreien wollen, das ist schließlich ein Leistungskurs, und ich würde auch 0 MSS-Punkte akzeptieren. Ich denke nur gerade, dass es nicht schaden kann, zu fragen.

Ich denke auch, ich muss es nicht erwähnen, aber behalten Sie das doch bitte für sich.

Danke und liebe Grüße

[MEIN NAME]“

 

Ich möchte hier ungern die wortgenaue Antwort meines Lehrers verwerten, allerdings werde ich versuchen zu paraphrasieren:

Mein Lehrer antwortete gleich am Morgen nachdem ich meine Mail abgeschickt hatte. Er drückte sein Verständnis für meine Situation aus und nahm mir die Sorgen wegen der Note. Er habe genug Leistungsnachweise von mir. Für ein paar Tage war ich ziemlich erleichtert. Er dankte mir außerdem für meine Ehrlichkeit und ich schämte mich, als ich das las. Heute weiß ich, dass ich ehrlich war. Damals dachte ich immer mal wieder, dass ich dieses Vertrauen nicht verdient hätte. Ich war vielleicht einfach nur faul und redete mir das alles nur ein. Ich hatte meine Integrität eigentlich schon abgeschrieben.

 

*Wir sollten uns eine Persönlichkeit aussuchen und dieser eine Laudatio anlässlich eines imaginären Friedenspreises schreiben und vortragen. Kein Mensch, dachte ich damals, hat so einen Preis verdient. Keiner. Geschrieben war die Laudatio trotzdem fast kurz vor dem Abgabetermin, aber bei dem Gedanken, diese dann frei von Ironie vortragen zu müssen, wurde mir schlecht. Es machte mir Angst, vorgeben zu müssen, ich stünde hinter dieser Person. Eine Performance dieser Art erschien mir schlicht zynisch.

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