Vor zwei Jahren in einem Haus voller Spinnen

Bild: Myriams-Fotos

Zurückblickend kann ich sagen, dass das hier so ziemlich gegen Ende meiner depressiven Phase entstanden ist. Ein paar Tage bevor ich mir endlich Hilfe gesucht habe. Der Entschluss dazu, so glaube ich, ist hier gefallen:

Ich muss meine Bilder zurückholen. Ich muss sie bewahren. Sie gehören doch nur mir. Ich muss da rein und sie holen, bevor sie für immer zerstört sind. Bevor sie verschwinden unter weißem Garn.

Aber muss ich wirklich? Warum bin ich hier? Wieso laufe ich nicht einfach, renne, fliege davon? Lass sie doch machen, was sie wollen, auf ihren acht dünnen Beinen. Es muss einen Grund geben, warum ich überhaupt gegangen bin, oder nicht?

Aber was sollen die Anderen mit den Gemälden anfangen, wenn ich nicht mehr hier bin? Sie brauchen mich. Ohne mich sind die Gemälde wertlos.

Und ohne die Gemälde, bin ich wertlos. Sinnlos. Leblos. Eine entmenschlichte Hülle.

Ich denke nach. Das Haus ist mir doch nicht mehr wichtig? Die Lebenden nicht. Die Tiere? Sicherlich nicht. Trotzdem, ich bin mir nicht sicher, und es bleiben mir drei Möglichkeiten.

Erstens. Ihr entfliehen. Lebenslänglich frei sein.

Zweitens. „Zu Gott gehen.“ Einen Brandstifter finden – die Asche im Wind zerstreuen lassen – oder genauso gut – einfach den Selbstzerstörungsknopf drücken und die Asche mit den eigenen Händen verstreuen.

Drittens. Zurückstehlen, was schon mal mir gehörte, was mir genommen wurde, und was ich nicht vermisst hatte. Den Schlüssel ins Schloss stecken und ihn drehen. Und sich den Dingen stellen, die mich menschlich – wunderschön und tausendmal hässlicher – machen. Sie akzeptieren. Daran zu Grunde gehen. – Ihnen ins Netz gehen.

Oder vielleicht nicht? Vielleicht die Balken austauschen. Das Dach neudecken. Vielleicht – ein paar Fenster einbauen?

 

Ich muss nicht lange nachdenken. Keine Frage, ich will nicht, dass sie weiter in ihrem Besitz sind. Dass ich weiter ihr gehöre. Damit scheidet Nummer Eins aus. Außerdem will ich nicht sterben. Ja, alle Logik gebietet mir den Tod. Aber ich will nicht! Da ist diese irrationale Hoffnung. Ich bin wohl… unvernünftig. Ich erinnere mich an etwas. Ich habe zu viel und zu lange gelebt, um vernünftig zu sein. Ich erinnere mich an die Euphorie.

Ich weiß, ich muss da rein. Jetzt oder nie. Was ich mit ihnen tun werde, weiß ich, wenn ich sie gesehen habe. Es gibt keinen anderen Weg.

 

Ich öffne die Tür endlich, während er meine Hand hält. Er drückt sie ganz fest, versucht mich zu trösten, zu erreichen. Doch er beruhigt mich nicht. Wie auch? Ich weiß doch, dass er nicht wirklich da ist, dass er nur der Geist eines naiven Wunsches ist, und dann stehe ich im Raum, die Tür ist zugefallen und ich weiß, es gibt jetzt kein Zurück mehr. So etwas wie Geborgenheit gibt es nicht, wenn man keinen Glauben hat. Wie soll man ein Haus reparieren, wenn man weder Hammer noch Nägel besitzt?

Das Haus war früher einmal aus starkem Holz gewesen. Massiv und glänzend, als hätte es jemand mit einer Art Eichenkuvertüre überzogen. Gemütlich, warm und sicher, das war es. Jetzt, zerpflückt von Wind und Wetter, Termiten und anderem Getier, steht es, ganz fehl am Platz, so da. Aber es steht noch.

Sie sind ebenfalls da, auch, wenn ich sie noch nicht sehen kann.

Ich rede nicht von den Termiten. Ich erwarte sie im maroden Gebälk oder in einer Spalte im leeren Bücherregal, in dem nur ein einziges zerfressenes Buch steht. Sie hat mein Heim übernommen – es gehört jetzt ihr – und ich will nicht, dass sie mich übernimmt. Mein einzig wahrer Besitz liegt unten, im Keller, und ich muss ihn mir zurückholen und bewahren.

Ich schließe kurz meine Lider, atme tief durch. Blende das Risiko aus. Als ich sie wieder öffne, schauen mir kleine, giftige Augen entgegen.“

Eine Art Erklärung hierzu folgt in einem anderen Post.

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