Ich schämte mich, als ich das schrieb.

Bild: Tumisu

Ich war enttäuscht von mir selbst und voller Scham, aber an diesem Abend wurde mir komplett bewusst, dass ich es nicht alleine schaffen würde. Meine Mutter war da, aber sie wirkte viel hilfloser als ich. Ich saß auf der Couch, die mittlerweile mein Schlafplatz geworden war und heulte in ihren Armen. Danach sagte ich so etwas in der Art wie, ich müsste meinen Lehrern sagen, was Sache ist. Ihnen allen. Ansonsten sähe ich keinen anderen Weg, als die Schule schon wieder abbrechen, denn einfach Weitermachen und Gucken, was kommt, wäre keine Option.

Ich entschied mich nochmal eine E-Mail zu schreiben, weniger offen und ausführlich als die Mail, die ich zuvor wegen einer anderen Aufgabe an einen Lehrer geschickt hatte, aber sachlich. Mama war skeptisch, ich weiß nicht, wovor genau sie Angst hatte, es war auch nur ein Hauch von Skepsis und als ich die E-Mail geschrieben hatte und ihr zeigte, war sie der Meinung, ich sollte sie schicken.

19. April 2016
„Sehr geehrte Lehrer,
wie Sie sicher alle bereits mitgekriegt haben, geht es mir seit einiger Zeit nicht gut. Das hängt zum einen mit körperlichen Beschwerden zusammen, zum anderen aber auch damit, dass ich (wieder) eine Depression habe. Der Punkt ist: im Moment bin ich nicht sonderlich leistungsfähig – vor allem in Bezug auf mein Konzentrationsvermögen. Hinzu kommt, dass ich sehr viel verpasst habe und Probleme habe, sowohl alten Stoff nachzuarbeiten als auch neuen Stoff aufzunehmen. Das wichtigste, rein medizinisch, ist dass es mir seelisch wieder besser gehen muss. Die Schule muss erst mal hinten anstehen. Ich kann zur Zeit keine Kursarbeiten schreiben oder andere Leistungsnachweise erbringen. Das lässt sich im Moment leider nicht ändern. Ich bin diesbezüglich schon in ärztlicher Behandlung und habe die Hoffnung, dass sich mein Zustand in den nächsten Wochen durch u.a. Medikamente verbessert. Auch für unheimlich wichtig halte ich es, die Schule regelmäßig ohne Druck besuchen zu können, alleine schon um der Depression entgegenzuwirken (Sozialkontakte), aber auch um möglichst viel Schulstoff mitnehmen zu können.
Nun die Frage an Sie: Falls in absehbarer Zeit keine Besserung eintritt, welche Konsequenzen sehen Sie? Können wir eine Lösung finden? Hier muss ich darauf hinweisen, dass ich leider nicht mehr die Möglichkeit habe, ein Jahr zu wiederholen, da ich auf einer anderen Schule bereits die 11. Klasse besucht habe. Zuletzt möchte ich Ihnen versichern, dass ich alles mir mögliche tue, damit ich bald wieder Leistung erbringen kann und wieder die Schule besuchen kann, an der ich mich im Normalfall so wohl und aufgenommen fühle.

Vielen Dank für Ihr Verständnis,

mit freundlichen Grüßen
[Mein Name, meine damalige Klassenstufe, mein damaliger Stammkurs]“

In der Nacht erhielt ich keine Antwort mehr. Müde, aber ein wenig befreit, versuchte ich zu schlafen. Es war raus und ich konnte nichts mehr rückgängig machen.

Wenn ich mir die Reaktion auf die E-Mail ins Gedächtnis rufen möchte, lande ich eigentlich direkt immer bei folgenden Sätzen (ich paraphrasiere):

Auf dem Schulflur:
  • „[Mein Vorname], Herr [Nachname meines damaligen Oberstufenleiters] möchte dich gerne unten beim Sekretariat sehen. Du weißt ja, warum“, sagte mein Stammkursleiter etwas unsicher, als wir uns auf dem Weg zu seinem Unterricht trafen.
  • „Die E-Mail war super.“, sagte ein Lehrer, mit dem ich etwa eine Woche zuvor schon über meine Probleme gesprochen hatte, und zeigte mir seinen nach oben gestreckten Daumen, während ich versuchte, vor Rührung meine Tränen zurückzuhalten.
  • „Wir stehen alle hinter dir.“, meinte die Leiterin meiner Theater-AG.
Im Zimmer der Sozialarbeiterin:
  • „Warum bist du denn nicht direkt auf mich zugekommen? So eine E-Mail jagt einem schon einen Schrecken ein.“, sagte mein Oberstufenleiter und ich unterdrückte eine flapsige Antwort. Stattdessen nickte ich zustimmend und entschuldigend.
  • „Ich merke, dass du unheimlich reflektiert an das ganze Thema rangehst.“, sagte sie und lächelte mich bekräftigend an.
  • „Du wirst hier mit Abitur rausgehen.“, sagte er und wich meinem Blick nicht aus. „Du bist eine der leistungsstärksten Schülerinnen, wir werden das schon hinbekommen.“

Ich lernte, dass ich nicht hilflos war, dass es Menschen im Schulsystem gab, die Empathie zeigten, die gewillt waren, die Regeln für mein Wohl zu interpretieren, damit ich wieder auf die Beine kommen würde. Ich bin bis heute unheimlich dankbar dafür.

Um es kurz zu machen: An dem Abend, an dem ich die E-Mail schrieb, taten sich drei zwei Optionen für mich auf:

  • Weitermachen
  • Wegrennen/Aufgeben
  • Für mich kämpfen. Der Scham trotzen. ✓

Es hat sich gelohnt.

 

In einem anderen Post werde ich auf meine erste Depression eingehen, die einen anderen Verlauf genommen hatte (Wegrennen/Aufgeben ✓✓).

 

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